Matt Mullenweg gestürzt: Beben bei Automattic und WordPress

- Matt Mullenweg wurde vom Board of Automattic als CEO entfernt und in bezahlten Urlaub geschickt.
- Mark Davies (CFO) übernimmt die Leitung des Unternehmens.
- Der Sturz folgt auf einen aggressiven Rechtsstreit mit WP Engine und Vorwürfen der Beweisvernichtung.
- Das WordPress-Ökosystem leidet unter sinkenden Marktanteilen und Sicherheitslücken durch KI.
Die Welt des Open-Source-Contents erlebt derzeit eine Zäsur, die weit über eine einfache personelle Veränderung hinausgeht. Matt Mullenweg, der Mitbegründer und langjährige Kopf hinter Automattic, wurde vom Board of Directors seines eigenen Unternehmens abgesetzt. Die Entscheidung erfolgte abrupt: Mullenweg erhielt die Mitteilung über die Abstimmung lediglich 50 Minuten vor Beginn des Treffens. Sein Ersuchen, die Maßnahme durch einen unabhängigen Rechtsbeistand prüfen zu lassen, wurde vom Vorstand abgelehnt.
Die Führung von Automattic liegt nun in den Händen von Mark Davies, dem bisherigen Chief Financial Officer. Während Mullenweg derzeit in einem bezahlten Urlaub verweilt, zeichnet sich ein Bild von tiefem Misstrauen innerhalb der Führungsebene ab. In einer internen Slack-Nachricht warf Mullenweg dem CFO vor, hinter seinem Rücken mit dem Vorstand konspiriert zu haben.
Ein CEO im Kreuzfeuer der Rechtsstreitigkeiten
Der Sturz Mullenwegs ist kein isoliertes Ereignis, sondern das Resultat einer Eskalationsspirale, die er selbst in Gang gesetzt hat. Im Zentrum steht der sogenannte nukleare Krieg gegen WP Engine. Dieser Konflikt hat eine Dimension erreicht, die nun direkt die Stabilität von Automattic gefährdet. WP Engine hat eine Motion für Sanktionen eingereicht, in der dem Mitgründer vorgeworfen wird, Beweismittel vernichtet oder nicht ordnungsgemäß gesichert zu haben.
Besonders brisant sind die Aussagen von Jonathan Robins, einem E-Discovery-Dienstleister von Automattic, wonach ein Laptop und ein Telefon von Mullenweg unauffindbar seien. WP Engine behauptet, Mullenweg habe gezielt Kommunikation über Messenger wie Signal, Telegram und WhatsApp gesteuert, um keine Spuren zu hinterlassen. Er habe sogar öffentlich dazu aufgerufen, Informationen über WP Engine über verschlüsselte Kanäle mit verschwindenden Nachrichten zu übermitteln.
Automattic versuchte, diese Vorwürfe in einem Blogpost als verzweifelt darzustellen. Das Unternehmen argumentierte, dass die fehlenden Daten lediglich persönliche Kommunikation mit romantischen Partnern beträfen, die in keinem Zusammenhang mit dem Rechtsstreit stünden. Laut Searchengine Journal wurden bereits 1,5 Millionen Dokumente geprüft und fünf Geräte gesichert, was die Vorwürfe der Beweisvernichtung aus Sicht von Automattic entkräften solle.
Die Erosion des WordPress-Ökosystems
Während sich die Führungsetage in juristischen Grabenkämpfen verliert, leidet das Produkt. Die Auswirkungen der internen und externen Konflikte sind in der Community spürbar. Die Marktanteile von WordPress bei den Content-Management-Systemen sinken, und die Besucherzahlen der WordCamps, den zentralen Konferenzen der Community, gehen stetig zurück.
Ein besonders kritischer Punkt ist die Entwicklung des WordPress-Cores. Im Januar 2025 kündigte Automattic an, die Beiträge zum Core massiv zu reduzieren und sich nur noch auf Sicherheitsupdates und kritische Patches zu konzentrieren. Ressourcen, die zuvor in das Open-Source-Projekt flossen, wurden stattdessen in gewinnorientierte Initiativen von Automattic und WordPress.com umgeleitet. Die Begründung war der Rechtsstreit mit WP Engine.
Mullenweg machte die Wiederaufnahme der Core-Beiträge von Automattic davon abhängig, dass WP Engine die Klage fallen lässt, und forderte die Community auf, Druck auf das Unternehmen auszuüben.
Diese Strategie stieß bei Entwicklern auf Unverständnis. Auf der WordCamp Asia 2025 wurde Mullenweg direkt mit der Stagnation der Core-Entwicklung konfrontiert. Seine Antwort, die Verantwortung vollständig auf WP Engine zu schieben, wurde von vielen als faktische Ablehnung der Verantwortung für das Open-Source-Erbe wahrgenommen.
KI als Katalysator für neue Schwachstellen
Parallel zu den Machtkämpfen steht das Plugin-Ökosystem vor einer existenziellen Krise. Viele Entwickler berichten von einer schrumpfenden Basis zahlender Nutzer. Gleichzeitig steigt die Zahl entdeckter Sicherheitslücken rapide an. Hier spielt künstliche Intelligenz eine doppelte Rolle: Einerseits beschleunigt KI die Entwicklung von Plugins, was oft zu einer geringeren Code-Qualität führt, andererseits nutzen Angreifer KI-Tools, um Schwachstellen in WordPress-Installationen effizienter zu finden.
Die Kombination aus einem geschwächten Core, einem instabilen Plugin-Markt und der Führungskrise bei Automattic schafft ein Vakuum, das Konkurrenten im CMS-Bereich derzeit geschickt nutzen.
Die rechtliche Sackgasse und die Folgen
Die juristische Lage ist komplex. Ein Bundesrichter hat bereits eine einstweilige Verfügung zugunsten von WP Engine gegen Automattic und Mullenweg erlassen. Die Vorwürfe der Beweisvernichtung könnten nun zu weiteren Sanktionen führen, die über finanzielle Entschädigungen hinausgehen und beispielsweise die Abweisung von Markenrechtsklagen von Automattic zur Folge haben könnten.
Die Entfernung Mullenwegs aus der CEO-Rolle scheint ein Versuch des Boards zu sein, das Unternehmen zu stabilisieren und die Marke von der Person des Mitgründers zu entkoppeln. Die Details dieser Absetzung, wie sie in Searchengine Journal beschrieben werden, zeigen jedoch, dass der Bruch tief sitzt und die interne Kommunikation kollabiert ist.
Bedeutung für Unternehmen in Deutschland und der DACH-Region
Für den deutschen Mittelstand, der in großem Umfang auf WordPress für seine digitale Präsenz setzt, ist diese Nachricht alarmierend. In einer Region, in der Datensicherheit und Rechtssicherheit (Stichwort DSGVO) oberste Priorität haben, wirkt die Instabilität des führenden CMS-Ökosystems destabilisierend.
Unternehmen, die im Rahmen von Industrie 4.0 ihre digitalen Schnittstellen modernisieren, benötigen verlässliche Infrastrukturen. Wenn die Core-Entwicklung eines Systems, das einen signifikanten Teil des Webs antreibt, zum Spielball eines persönlichen Machtkampfes wird, steigt das Risiko für technische Schulden. Die Tendenz von Automattic, Ressourcen von Open-Source-Beiträgen hin zu proprietären Profit-Produkten zu verschieben, widerspricht zudem dem Geist der offenen Zusammenarbeit, auf den viele deutsche Agenturen und IT-Dienstleister bauen.
Zudem verschärft die KI-gestützte Zunahme von Sicherheitslücken die Anforderungen an die Wartung. Deutsche Unternehmen müssen nun verstärkt in professionelles Monitoring und gehärtete Hosting-Umgebungen investieren, da die Hoffnung auf schnelle Core-Fixes durch ein zerstrittenes Automattic-Management schwindet. Die Situation unterstreicht die Notwendigkeit, Abhängigkeiten von einzelnen Software-Ökosystemen kritisch zu hinterfragen und Diversifizierungsstrategien für die eigene Web-Infrastruktur zu entwickeln.
Häufige Fragen
Warum wurde Matt Mullenweg abgesetzt?
Das Board of Automattic hat ihn aufgrund interner Konflikte und der massiven negativen Auswirkungen seines Rechtsstreits mit WP Engine entfernt.
Wer leitet Automattic jetzt?
Mark Davies, der bisherige Chief Financial Officer (CFO), wurde zum neuen CEO ernannt.
Welche Auswirkungen hat das auf die WordPress-Software?
Die Core-Entwicklung ist bereits verlangsamt, da Automattic die Beiträge reduziert hat. Zudem gibt es Sorgen über die Sicherheit von Plugins im Kontext von KI.
Was ist der Kern des Streits mit WP Engine?
Es handelt sich um einen komplexen Rechtsstreit über Markenrechte und die Nutzung von WordPress, der durch Mullenwegs aggressive Kampagne gegen WP Engine eskaliert ist.
Quellen: Searchenginejournal (2), Netzender ·
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